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10 Fakten über eine der berühmtesten Radfahrerinnen der Welt: Annie Londonderry

Die erste Frau, die 1894 die Welt mit dem Rad umrundete, veränderte nachhaltig das Bild der sportlichen Frau.

Die Amerikanerin Annie Londonderry ist deswegen so berühmt, weil sie zwischen 1894 und 1895 als erste Frau mit ihrem Rad um die Welt reiste.

Annie Londonderry mit ihrem Columbia-Fahrrad.

Wir sagen ganz bewusst “berühmt”, obwohl man nur von Annie Londonderry weiß, wenn man im Internet ganz intensiv nach den Stichworten “Frauen” und “Radfahren” sucht. Aber wir finden, es sollten mehr Leute über Annie Londonderry Bescheid wissen, denn sie war einfach eine unglaubliche Persönlichkeit. Oder wie würdet ihr eine Frau bezeichnen, die im 19. Jahrhundert ein Rad als Fortbewegungsmittel benutzte um den Männern zu zeigen, was Frauen drauf haben?

Annie, die Heldin

Die schönste Entdeckung, die man bei der Recherche zu Annie Londonderry macht, sind ihre sympathischen Eigenschaften. Sie war eine Eigen-PR-Maschine und liebte den Rummel, der um ihre Reise gemacht wurde. Mit dem Ruhm, den sie erlangte, verdiente sie nicht nur ein bisschen Geld, sondern veränderte gleichzeitig systematisch das gesellschaftliche Wertebild der Frau. Im Folgenden wollen wir dir sowohl ihre guten als auch ihre nicht so guten Seiten zeigen, denn sie sind allesamt wichtig. Und wer mag sie nicht, die eigensinnigen Außenseiter der Gesellschaft?

1. Annie Londonderry fasste den Entschluss in 15 Monaten mit dem Rad um die Welt zu reisen…

Sie tat es wohl wegen einer Wette mit zwei reichen Geschäftsleuten aus Boston, die sich sicher waren, dass eine Frau eine solche Rad-Reise niemals schaffen könnte.

2. …aber sie legte die Sache mit dem Rad sehr freizügig aus.

Annie Londonderry begann ihre Reise in Boston und fuhr zunächst Richtung Westen. Allerdings brauchte sie mehrere Monate nur um nach Chicago zu gelangen. Frustriert kehrte sie um und fuhr nach New York. Von dort nahm sie ein Schiff nach Frankreich, fuhr dort von Le Havre bis nach Marseille, wo sie ein weiteres Schiff nach Singapur nahm. Natürlich nutzte sie ihr Rad auf dieser Reise, aber der Großteil wurde mit Schiff und Lokomotive zurückgelegt.

Zeichnung von 1897: Eine Radfahrerin im Sportoutfit, die ihren genervten Ehemann mit den Kindern alleine lässt. Die Leute dieser Zeit fürchteten sich vor dieser neuen Frauenspezies.

3. Sie ließ ihren Mann und ihre drei kleinen Kinder zurück.

Wenn sie in Interviews über ihre Familie sprach, wurde sie wiefolgt zitiert: “Ich wollte mein Leben nicht nur damit verbringen zu Hause zu sitzen und jedes Jahr ein Baby unter der Schürze zu haben.”

4. Sie hieß gar nicht Annie Londonderry.

In Wirklichkeit hieß sie Annie Cohen Kopchovsky. Der Künstlername war sicherer fürs Reisen, denn mir ihrem richtigen Namen hätte man sie gleich als Jüdin identifziert, und das war nicht so ungefährlich im späten 19. Jahrhundert.

5. Sie verdiente ihre Geld durch Werbung.

Annie Londondery befestigte Plakate und Banner an ihr Rad um für verschiedene Firmen Werbung zu machen, vor allem für Sterling Bicycles aus Chicago. Auf ihrer Reise bekam sie dann immer wieder neue Werbeverträge – besonders in Frankreich, wo sie sehr beliebt war. Übrigens war der Nachname ‘Londonderry’ Teil eines Werbedeals mit der Mineralwasser-Hersteller “Londonderry Lithia Spring Water Company”.

Annie Londonderry in einer nachgespielten Situation, wie sie 1895 in der Nähe von San Francisco ausgeraubt wurde. (Foto: Peter Zheutlin)

6. Sie flunkerte, und zwar nicht zu knapp.

Die Wette (und die 10.000 Dollar Gewinn, die sie bekommen sollte) waren sehr wahrscheinlich fingiert. Es ist anzunehmen, dass diese Reise von Annie Londonderry zum Zwecke der Selbstvermarktung ins Leben gerufen wurde und um ihre Lust nach Abenteuern zu stillen. Einen nicht geringen Einfluss auf diese Reise hatte Colonel Albert Pope, der Eigentümer der Radmanfaktur, die das Columbia Rad produzierte und mit dem Annie Londonderry zuerst aufbrach. Sie verhedderte sich außerdem bei der Presse in Lügengeschichten über ihre Vergangenheit: Sie behauptete, sie sei Waise, Jura- und Medizin-Studentin, habe reich geerbt und noch so einiges mehr. Annie Londonderry kreierte darüber hinaus unglaubliche Geschichten über ihre Reisen durch Indien und China – wo sie niemals mit dem Rad durchgefahren war, sondern nur per Schiff. Und doch erzählte sie in ihren späteren Auftritten in den USA, wie sie Bengalische Tiger gejagt hatte und Kugeln ausgewichen war.

7. Sie war eine ziemlich lahme Schnecke.

Im Buch “Around The World On Two Wheels” von Peter Zheutlin steht, dass Annie Londonderry zwischen 12 und 16 km/h fuhr, was ganz schön langsam ist für moderne Radgeschwindigkeiten. Für die gut 640 Kilometer zwischen San Francisco und Los Angeles brauchte sie ganze fünf Wochen. Zu Fuß hätte sie es wohl in der Hälfte der Zeit geschafft. Vielleicht wäre es ja anders gewesen, wenn es da schon Strava gegeben hätte?!

8. Sie wusste, dass richtige Kleidung wichtig war.

Annie Londonderry redete sehr viel über ihre Kleiderwahl. Sie wechselte ihren Rock erst gegen Damenhosen und dann gegen Männeranzüge, weil die einfach am bequemsten waren und natürlich auch, um diejenigen zu pikieren, die Frauen auf Rädern als ordinär empfanden. Der “Omaha World Herald” schrieb: “Miss Londonderry ist der Meinung, dass der Beginn der weiblichen Radfahrbewegung eine wohltuende Reform bezüglich des Kleidungsstils auslösen wird. Sie glaubt, dass in naher Zukunft alle Frauen, ob höheren oder niederen Standes, sich aufs Rad setzen werden, außer den engstirnigen, langröckigen, mageren und schmächtigen Wesen.”

Annie Londonderrys Sterling Rad.

9. Ihr erstes Rad war eine Katastrophe.

Sie begann ihre Reise auf einem Columbia Rad, dass an die 20 kg wog und keinen Freilauf hatte. Wenn sie also zu schnell wurde, musste sie ihre Füße von den Pedalen nehmen und auf die Kloben in der Vordergabel stellen. In Chicago bekam sie dann glücklicherweise ein Rad der Marke Sterling, das nur 9 kg wog.

10. Sie schaffte es tatsächlich.

Annie Londonderry kehrte ganz genau 15 Monate später nach Boston zurück. Und auch wenn sie ein wenig Hilfe durch Schiff und Zug in Anspruch genommen hatte, war sie dennoch eine beachtliche Strecke im Sattel unterwegs gewesen. Sie hatte sich mit nichts mehr als ein paar Kleidungsstücken und einem Revolver auf den Weg gemacht und kam am Ende wieder mit Eindrücken aus Chicago, New York, Paris, Marseilles, Alexandria, Colombo, Singapore, Saigon, Hong Kong, Shanghai und San Francisco. Außerdem wurde sie eine weltweite Berühmtheit.

Peter Zeuthlin schreibt dazu in seinem Buch “Around The World On Two Wheels”: “Was Annie Londonderry mit ihrem Rad von 1894-95 erreicht hat, war eine Meisterleistung, die Schneid, Selbstvermarktung und Sportlichkeit erforderte. Sie war nicht nur eine begnadete Erzählerin und talentierte Werbemaschine mit einem Hang zu Ausschmückungen und Lügengeschichten, sondern auch eine versierte Radfahrerin, die während ihrer Reise Tausende von Kilometern auf dem Rad absolvierte.”

Around The World On Two Wheels
Peter Zeuthlin
ISBN-13: 978-0806528519
Citadel
Preis: ca. 18 Euro bei Amazon

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